Wie freiwillig arbeiten die St.Gallerinnen und St.Galler?

Wie freiwillig arbeiten die St.Gallerinnen und St.Galler?

Daniel Jordan, Projektleiter am Institut für Qualitätsmanagement und Angewandte Betriebswirtschaft (IQB-FHS)

Daniel Jordan, Projektleiter am Institut für Qualitätsmanagement und Angewandte Betriebswirtschaft (IQB-FHS)

Ob in Vereinen oder gemeinnützig, freiwilliges Engagement gehört zur Schweizer Kultur. Gemäss dem aktuellen Freiwilligen-Monitor leisten im Kanton St.Gallen 27% der Bevölkerung Freiwilligenarbeit in einem Verein, 43% engagieren sich informell etwa in der Nachbarschaftshilfe oder Kinderbetreuung. Das ist leicht über dem Schweizer Durchschnitt. Trotzdem: Wie eine Studie des Instituts für Qualitätsmanagement und Angewandte Betriebswirtschaft der FHS St.Gallen (IQB-FHS) zeigt sind die Freiwilligenorganisationen heute stark gefordert. Insbesondere beim Anwerben neuer Freiwilliger, bei der Raumsuche oder wegen der Rahmenbedingungen.

Rund 3000 Vereine gibt es im Kanton St.Gallen gemäss den offiziellen Listen der Gemeinden. Ein Drittel davon sind Sportvereine, ein Drittel Kultur- und Freizeitvereine und ein Drittel engagiert sich im Sozialbereich, im Gesundheitswesen, in der Kirche, im Bereich Natur und Umwelt und weiteren Feldern. Eine beeindruckende Anzahl. «Das St.Galler Vereinsleben ist aktiv und vielfältig», sagt denn auch Daniel Jordan vom Institut für Qualitätsmanagement und Angewandte Betriebswissenschaft (IQB-FHS) der Fachhochschule St.Gallen. Im Auftrag der Gemeinnützigen Gesellschaft des Kantons St.Gallen (GGK) hat das IQB-FHS in den vergangenen Jahren mehrere Studien und Workshops zur Freiwilligenarbeit im Kanton durchgeführt.

Eher ältere Freiwillige

Der Freiwilligen-Monitor 2016 stellt den St.Gallerinnen und St.Gallern in Sachen Freiwilligenarbeit ebenfalls ein gutes Zeugnis aus. 27 % leisten formelle Frewilligenarbeit, engagieren sich also in einem Verein. Deutlich höher ist mit 43 % der Anteil informelle Freiwilligenarbeit. Dazu gehört beispielsweise die spontane Hilfe im Freundeskreis oder in der Nachbarschaft oder die Betreuung von Kindern und die Pflege von Verwandten. «Der Kanton St. Gallen liegt im Bereich Freiwilligenarbeit leicht über dem Schweizer Durchschnitt», sagt Daniel Jordan. Am stärksten engagierten sich gemäss FHS-Studie Personen zwischen 46 und 55 Jahren, am wenigsten jene bis 25 Jahren. «Diese studieren häufig noch bzw. investieren in den Berufseinstieg und sind noch nicht sesshaft», nennt Daniel Jordan mögliche Gründe dafür.

Nachwuchswerbung als grösstes Problem

Freiwilliges Engagement ist zwar Teil unserer Kultur. Trotzdem sind die Vereine und Organisationen heute stark gefordert. Dabei ist nicht einmal das Geld das grösste Problem. «Zentral ist das Anwerben und das Halten bisheriger Freiwilliger», sagt Daniel Jordan. Viele Vereine kämpften gegen eine Überalterung. Im Moment könnten sie das noch kompensieren, in der Zukunft könnte der Nachwuchs aber fehlen. Weniger Mühe haben Sportvereine, schwieriger ist die Situation für politische Vereine oder solche, die sich traditionellem Brauchtum widmen. «Und die sozialen Vereine liegen irgendwo dazwischen», sagt Daniel Jordan. Tendenziell sei das Engagement in den Vereinen rückläufig. Das hat mehrere Ursachen:

-persönliche Gründe
-organisatorische Rahmenbedingungen
-fehlende Vereinsräume
-zunehmende Reglementierung

Bei den persönlichen Gründen ist vor allem der Faktor Zeit ausschlaggebend. Beruf oder Studium lassen immer weniger Zeit für eine aktive Vereinsmitarbeit. Eine gute Work-Life-Balance erhalte, gerade bei den Jungen, eine immer grössere Bedeutung. «Heute schauen die Leute stärker darauf, sich nicht zu übernehmen. Auch war früher der soziale bzw. äussere Druck höher, sich im Dorf zu engagieren.» Hinzu kommt der gesellschaftliche Trend zur Individualisierung. «Wir haben heute unendliche viele Freizeitmöglichkeiten, die wir einfach konsumieren können», sagt Daniel Jordan. Nicht zuletzt hat die Mobilität zu-, die Verwurzelung an einem Ort gegenüber früher jedoch eher abgenommen.

Freiwilligenarbeit honorieren

Organisatorische Rahmenbedingungen wie zum Beispiel unklare Aufgabenprofile, zu umfangreiche Tätigkeiten oder eine zu geringe Wertschätzungskultur wirken sich sowohl auf das Anwerben als auch auf das Halten bisheriger Freiwilliger aus. «Deshalb ist die Bindung der Freiwilligen extrem wichtig», sagt Daniel Jordan. So könnten die Vereine diese etwa zum Essen einladen, spezielle Events für sie organisieren, Vergünstigungen bei den Mitgliederbeiträgen anbieten oder die Möglichkeit geben, Vereinsräume privat nutzen zu können.

Fehlende Infrastruktur

Zunehmend schwieriger ist es für Vereine auch, geeignete Räume zu finden. Sei es, weil sie zum Beispiel in Konkurrenz zu anderen Vereinen oder Firmenanlässen stehen. Sei es, weil die Professionalisierung zunimmt. «Die Ansprüche an die Freiwilligen steigen je nach Tätigkeitsgebiet», sagt Daniel Jordan. Gerade im Gesundheitswesen müssten sie oft ähnliche Qualifikationen vorweisen wie Angestellte. Das bedeutet: Sie müssen extra Kurse besuchen. Ähnlich ist es bei den Sportvereinen. Anstelle des Staats erlassen hier die Verbände immer mehr Richtlinien und Vorschriften. «Dies kann die Alltagsarbeit in den Vereinen erschweren», sagt Daniel Jordan.

Ideelle, soziale und persönliche Motive

Was aber motiviert uns Schweizer zur Freiwilligenarbeit? Daniel Jordan sieht drei Hauptmotive:

-ideelle
-soziale
-persönliche

Viele Freiwillige möchten helfen, etwas Gutes bewirken und der Gesellschaft etwas zurückgeben. Ebenfalls wichtig ist ihnen, gemeinsam mit anderen etwas aufzubauen, neue Leute kennenzulernen und in der Gemeinschaft etwas zu erleben. Nicht zuletzt spielt auch der Faktor Spass eine wichtige Rolle, die eigene Horizonterweiterung, das Sammeln von Erfahrungen oder eine «coole» Position auszuüben. «Gerade bei den Jungen stehen der Spassfaktor und der Nutzen im Vordergrund etwa für das Studium oder die berufliche Zukunft. Und sie möchten mitbestimmen, mitreden und mitgestalten», sagt Daniel Jordan. Deshalb sei es für Vereine bei der Neugewinnung Freiwilliger entscheidend, diese dort abzuholen, wo ihre Interessen lägen und sie ihre Fähigkeiten hätten. «Dann steigt die Chance, sie längerfristig zu halten.»

5,5 % des Bruttoinlandprodukts

Letztlich bringt das gesellschaftliche Engagement allen etwas. Gerade informelle Freiwilligenarbeit wäre in diesem Ausmass durch den Staat gar nicht finanzierbar. Studien gehen für das Jahr 2014 von 700 Millionen Stunden aus, das entspricht 5,5 % des Bruttoinlandprodukts und in etwa dem Aufwand für das Schweizer Bildungssystem. Neben dem finanziellen Nutzen fördert gesellschaftliches Engagement auch den inneren Zusammenhalt. «Diesen kann ein Staat nicht verordnen, das muss von der Bevölkerung selbst kommen und ist deshalb ein enorm wichtiger Beitrag», sagt Daniel Jordan.

Wie können Vereine, Kantone und Unternehmen Freiwilligenarbeit fördern?

Sowohl die Vereine als auch der Kanton oder Staat und die Unternehmen haben mehrere Möglichkeiten, gesellschaftliches Engagement zu fördern.

Die Vereine können zum Beispiel:

-Freiwilligeneinsätze attraktiv gestalten
-Einsätze zeitlich befristen (gerade für Junge)
-flexibles Erledigen der Aufgaben ermöglichen
-eine Einführungs-/Probezeit anbieten (allenfalls Mentoring-System)
-Einsätze wertschätzen etwa mit Anlässen
-die öffentliche Wahrnehmung verbessern

Die Kantone können zum Beispiel:

-finanzielle Förderbeiträge sprechen
-Infrastruktur zur Verfügung stellen
-öffentliche Anerkennung bieten
-Plattformen einrichten wie zum Beispiel Benevol
-Sensibilisierungskampagnen lancieren wie «Helden des Alltags»
-umsichtig sein beim Erlass von Vorschriften

Die Unternehmen können zum Beispiel:

-Corporate-Volunteering-Einsätze ermöglichen
-Infrastruktur und Räume zur Verfügung stellen
-Arbeitszeit für Freiwilligenarbeit anrechnen

Gute Work-Life-Balance

Gemäss den Studien engagieren sich Frauen eher in sozialen, Männer in Sportvereinen. Und vor allem selber Betroffene sind eher bereit zur Freiwilligenarbeit. Beim Anwerben bringt trotz zunehmender Digitalisierung das persönliche Gespräch den grössten Erfolg. «Aktiv auf die Leute zugehen und sie direkt ansprechen», sagt Daniel Jordan.